Zerlegte Gesellschaft – Plädoyer für neue Medien

Was Daten verraten, nächste Folge. Eine Social-Media-Befragung in den USA wirft ein grelles Schlaglicht auf die negativen gesellschaftlichen Folgen, die YouTube, Facebook, Twitter & Co. nach Meinung ihrer eigenen Nutzer auslösen. Wer der Zerlegung der Gesellschaften durch soziale Medien nicht tatenlos zusehen will, kann aus der Studie lernen: Wir brauchen anders verfasste neue Medien. Warum nicht eine „soziale Digitalwirtschaft“?

Bob Hoffman ist eine Institution in der Mediabranche. Sein Newsletter The Ad Contrarian ist empfehlenswert, sein Stil nicht unbedingt. Was er meint, das hat Substanz. Er hat sie sich über Jahrzehnte aufgebaut, in der Mediaberatung (TV Beratung) der ganz großen US-Werbungtreibenden. Aus Hoffman’s Newsletter stammt der Hinweis auf aktuelle Ergebnisse des jährlichen „National NBC News/Wall Street Journal Poll“. 

Das Ergebnis einer jährlichen Befragung zu Social Media

Die repräsentative Telefonbefragung von US-Amerikanern durch zwei Institute ergab ein klares Bild. Einer der Studienleiter erklärt:

„Müssten die Amerikaner ihre „Sozialen Medien“ wie auf Yelp bewerten, gäbe die Mehrheit Null Sterne“

Man muss diese zugespitzte Zusammenfassung nicht unbedingt teilen. Die Ergebnisse sind dennoch eine klare Aufforderung, etwas zu ändern und den Betreibern von Social Media-Plattformen nicht mehr unreguliert ihren Lauf zu lassen.

  • 70% der US-Amerikaner nutzen Social Media täglich.
  • 57% geben an, Social Media trennen uns eher (35% meinen, dass sie uns zusammenbringen)
  • 82% meinen, Social Media verschwenden unsere Zeit (15% meinen, dass sie helfen, Zeit besser zu nutzen)
  • 55% beschuldigen Social Media, Unwahrheiten und Lügen zu verbreiten (31% meinen, es seien News und Informationen)
  • 61% der US-Amerikaner finden, Social Media verbreiten unfaire Angriffe und Gerüchte (32% meinen, dass sie helfen, öffentliche Institutionen und Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen)

Ein Vorschlag, woran sich neue Medien orientieren könnten

Wo Gefahr ist, da wächst auch das Rettende. Wer sich also die Ergebnisse genauer anschaut, kann sie zur Problemdiagnose verwenden und mögliche Therapien ableiten. Das versuchen wir in diesem Chart. Es ist ein Vorschlag, woran sich neu verfasste Medien orientieren könnten.

An mehr Kontrolle führt kein Weg vorbei

Eins ist klar, es sollte mit Social Media nicht so unzureichend reguliert weitergehen. Wir brauchen mehr Kontrolle. Wer bei uns Kontrolle als Zensur verunglimpft,  wie das viele Twitterkönige so tun, der missachtet die Demokratie, in die Regeln und Organe der Kontrolle eingebettet sein müssen. Jedenfalls ist das hier so.

Missachtete Demokratie gibt es aber nicht überall. Vor allen anderen Ländern zeigt China, zu welchen Horror-Szenarien autoritär und nicht demokratisch gelenkte Social Media führen können. Keine Reise, kein Job, keine Wohnung, keine Versicherung, in den Knast – wegen Mangel an wohlgefälligem Social Media Verhalten. Das ist kein Missbrauch der Internet-Technologie, es ist ihr GEbrauch im ursprünglichen militärischen Zweck, aber ohne Einbettung in eine demokratische Verfassung.

Die Gefahr der Zerlegung demokratischer Gesellschaften ist also Technologie-immanent. Wer sie zerlegen will, muss nur möglichst viele Kleingruppen zur Identitätsbildung und zum Protest auf unzureichend kontrollierten Social Media Plattformen ermuntern – völlig egal wofür oder wogegen. Nichts anderes war das Ergebnis der Untersuchung der russischen Manipulationen des US-Wahlkampfes durch den US-Senat.

Her mit anders verfassten sozialen Medien!

Wir brauchen also neue, anders verfasste Medien. Wie wäre es mit einer „sozialen Digitalwirtschaft“, die unterschiedliche gesellschaftliche Interessen ähnlich erfolgreich ausbalanciert, wie die soziale Marktwirtschaft?